Berichte

Golfen nach Gefühl und Gehör

Mit viel Übung, Ausdauer und einem guten Caddie können auch behinderte Menschen auf normalen Plätzen spielen

Golf spielen, ohne etwas zu sehen?
Geht das? „Natürlich geht das“, sagt Bernd Walsch im Brustton der Überzeugung. Der Berliner muss es wissen. Seit einem Zeckenbiss im Jahr 2001 ist der Vizepräsident des Deutschen Blinden Golfverbands stark sehbehindert, spielt aber trotzdem Golf. Und zwar nicht nur ab und zu, sondern regelmäßig, sein Handicap trotz Handicap: 24,9.

Seit 2000 gibt es den Deutschen Blinden Golf Club, seit 2009 ist er als Verband anerkannt und firmiert unter dem Namen Deutscher Blinden Golf Verband (DBGV) mit Sitz in Ahrensburg in Schleswig-Holstein. In ihm haben sich aktive Golfer zusammen geschlossen, die stark sehbehindert oderblind sind.

„Wir wollen Menschen mit dieser Behinderung zeigen, dass Golf eine Sportart ist, die nicht nur gesunde Menschen mit Erfolg und Spaß ausüben können. Wir wollen den Betroffenen ein Stück Lebensqualität zurückgeben“, erklärt Bernd Walsch.
Diese Sportart sei insofern besonders gut dafür geeignet, da beim Golf im Unterschied zu Fußball oder Tennis immer der ruhende Ball gespielt werde, die Golfer also agieren und nichtreagieren müssten. Viele Ärzte empfehlen und befürworten deswegen den Golfsport sogar als Therapie.

Derzeit sind 30 Mitglieder im DBGV organisiert, Tendenz steigend, sagt Walsch. Vor allem ehemalige Golfer, die durch einen Unfall oder eine Krankheit erblindet sind, seien selig, wenn sie feststellten, dass sie auch mit Behinderung weiter golfen könnten und ihren geliebten Sport nicht aufgeben müssten.

Alles, was man als Golfer mit Sehbehinderung brauche, sei jede Menge Übung und einen gut ausgebildeten Caddie.
„Mein Caddie Gregor macht für mich aus jeder Golfrunde eine Art Hörspiel; natürlich so diskret wie möglich, um die anderen Flightpartner nicht zu stören. Er sorgt auch für die korrekte Spielrichtung, indem er mich mit wenigen Worten in die richtige Position stellt oder die Puttlinie über meinen Schlägerkopf hinweg liest“, erläutert Walsch.

Wichtig seien Rituale, an denen sich der sehbehinderte Mensch im wahrsten Sinne des Wortes orientieren könne. Aber auch körperliche Fitness ist von Bedeutung, sagt Walsch, der regelmäßig im Sportstudio an seiner Beweglichkeit und Kondition arbeitet.
„Derart trainiert, spüre ich ganz genau, ob mein Schwung rund ist oder nicht, wahrscheinlich sogar eher als ein Sehender“, meint Walsch schmunzelnd.

Bei Bremen gibt es den derzeit einzigen deutschen Golfplatz für behinderte Menschen, mit dem der DBGV kooperiert und der Integrationsturniere austrägt (27. Mai 2012).
Aber auch auf normalen Golfplätzen können behinderte Menschen mit etwas Hilfe problemlos spielen. So bietet in der Rhein-Main-Region regelmäßig der Würzburger Golf Club in Kooperation mit dem Berufsförderungswerk Würzburg (BFW) Schnupperkurse und Workshops für blinde und sehbehinderte Menschen an.

Selbst jene, die noch nie einen Golfschläger in der Hand gehabt hätten, seien fast immer begeistert, hat Walsch festgestellt, obgleich er für voll erblindete Menschen das Erlernen des Golfspiels schwierig findet. „Wer noch nie den Ballflug gesehen hat, dem fehlt mit Sicherheit ein wichtiger Anreiz“, findet er. Für die Zukunft wünscht sich der leidenschaftliche Golfer, dass behinderte Spieler auf den Plätzen dieser Welt mehr zur Normalität werden. Walsch: „So mancher Skeptiker wird merken, dass ein behinderter Golfspieler nicht stört, sondern eine Bereicherung für jeden unversehrten Menschen sein kann.“



Quelle: Ausgabe earlybird-golf. Mai 2012.

Eingetragen am 16.04.2012 um 10:59 Uhr